Niedecken und Ees
Persönlich getroffen haben sich Wolfgang Niedecken und Ees bisher noch nicht. "K wie Köln" hat die meiden Musiker in der Bar Sudermann zusammengebracht. Foto: Marina Weigl

Kölner Musiker im Interview: BAP-Legende Wolfgang Niedecken und EES

Kwaito-Sound trifft auf Kölschrock: Der südafrikanische Musiker EES und BAP-Frontmann Wolfgang Niedecken plaudern in der Kölner Bar ­Suderman über Karriere, Culture Clash und Köln-Liebe.

In Namibia ist der Wahlkölner EES alias Eric Sell (38) ein Superstar. Als musikalischer Vertreter des Kwaito-Sound hat er bereits sein 14. Album aufgenommen. BAP-Frontmann Wolfgang Niedecken (71) hingegen machte Kölschrock international salonfähig. Beim Treffen in der Suderman-Bar zeigt sich schnell, wie viel die vermeintlich unterschiedlichen Künstler gemeinsam haben. Vor allem: die Köln-Liebe.

Sie sind beide Musiker mit Köln als Homebase, aber einander noch nie begegnet, oder?

EES: Stimmt. Und ich muss gestehen, dass ich nicht so viel über Wolfgang weiß, aber ich glaube, für die Kölner ist er eine ziemliche Legende. Die Band BAP kennen wir sogar in Namibia. „Verdamp lang her“ läuft bei uns immer auf Karnevalsveranstaltungen, die bei uns für die deutsche Community regelmäßig in Hallen stattfinden.

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Wolfgang Niedecken: Der Song und BAP haben mit Karneval eigentlich überhaupt nichts zu tun. Im Gegenteil: Man wollte uns immer dazu überreden Karnevalsmusik zu machen, weil ich Kölsch singe, aber wir wollten das nicht. Wir hatten keinen Karriereplan aufgestellt, waren bloß eine stinknormale Rockband – besser gesagt: sogar eine Feierabendrockband. Bis der Durchbruch 1981/82 kam, habe ich noch gedacht, dass das mit der Musik noch vielleicht ein-zwei Jahre dauert. Ich hatte ja Malerei studiert und keine Musikkarriere geplant.

Ees
Lässig, lässiger – EES. Foto: Marina Weigl

Können Sie sich noch gut an die ersten Auftritte vor Publikum erinnern?

Wolfgang Niedecken: Christian Maiwurm – ein Freund mit dem ich studierte – hatte 1976 eine Protestveranstaltung gegen den geplanten Bau einer Stadtautobahn durch Köln-Nippes aufgezogen. Die sollte im Mariensaal stattfinden und Christian kam zu uns in den Proberaum, um uns zu überzeugen, da live aufzutreten. Wir haben uns breitschlagen lassen und bei dem Auftritt haben wir dann Blut geleckt, wie man so schön sagt. 

Es gab eine Fraktion bei BAP, die eine internationale Karriere anstrebte und sich musikalisch in eine andere Richtung entwickeln wollten. Mir war es aber wichtiger, dass wir weiter „unser Ding“ machen.

Wolfgang Niedecken, Frontmann der Band BAP

EES: Wenn ich es genau nehme, war es bei mir nicht einmal ein echter Gig. Es war eine Schulaufführung. Ich hatte das Vergnügen da als Michael Jackson auf der Bühne zu stehen – und den Moonwalk zu machen! Und ich sage euch: Ich konnte die ganze Woche davor nicht mehr richtig schlafen, essen oder aufs Klo gehen. Echt wahr!

Hattet Sie beide schon mal Momente, wo Sie völlig entnervt vom Musikerleben waren?

Wolfgang Niedecken: Nein, aber es gab eine Fraktion bei BAP, die eine internationale Karriere anstrebte und sich musikalisch in eine andere Richtung entwickeln wollten. Mir war es aber wichtiger, dass wir weiter „unser Ding“ machen – und da auf ein Level kommen, mit dem wir überregional konkurrenzfähig sind. Und man muss dazu sagen, dass die Musiker, die mittlerweile bei BAP sind, tatsächlich so gut sind, dass ich froh sein kann, dass die mich überhaupt mitspielen lassen. Ich sehe das so: Authentisch zu bleiben kann auf kurzer Strecke schon frustrierend sein. Da ziehen Leute an dir vorbei, die sich dem Markt anpassen. Aber auf lange Sicht kommst du, wenn du genug Substanz hast, dann doch hoch. Musik ist keine Kurzstrecke – das ist ein Marathonlauf. Da musst du einfach durchhalten.

EES: Bei mir gab es einige Momente mehr, in denen ich völlig entnervt war. Es gab diese Situationen, in denen ich von der Musikindustrie total angekotzt war. Man rennt immer wieder vor solche Türen, wenn man mit dem Herzen dabei ist und Leute dir aufdrücken wollen, dass du besser Trends bedienen solltest. Dann bekommst du aber den Zuspruch des Publikums, dein Album schießt durch die Decke in den Charts – und du hast wieder den Rücken frei.

Wolfgang Niedecken
Wolfgang Niedecken machte Kölschrock international populär. Foto: Marina Weigl

Das Feedback des Publikums ist der Motor hinter aller Kreativität?

Wolfgang Niedecken: Ja, klar. Sonst hätten wir auch mit BAP nicht weitergemacht mit Konzerten. Der Zuspruch bei den Konzerten war da, weil wir kölsche originelle Texte hatten. Das war ein Alleinstellungsmerkmal für eine Garagen-Rock’n’Roll-Band, aber kein Kalkül von unserer Seite aus. Ich hatte eben Kölsch gesungen, weil ich Kölner bin. Wäre ich Londoner, dann wären unsere Texte eben in Cockney gewesen.

EES: Ich finde das so cool. Viele andere in der Musikindustrie versuchen sich  immer anzupassen. Aber Authentizität in der Musik ist so unglaublich wichtig. Wenn man Leuten immer nur was vorspielt, dann zerbricht einen das.

Ich singe Kölsch, weil ich Kölner bin. Wäre ich Londoner, dann wären unsere Texte eben in Cockney.

Wolfgang Niedecken, BAP-Frontmann

Wolfgang Niedecken: Was meinst du, wie oft man uns da reingrätschen wollte? Selbst innerhalb der Band gab es über die Jahre Leute, die lieber Texte in Hochdeutsch oder englischer Sprache wollten. Da musste ich gegenhalten. Und man kann nur sagen: Gott sei Dank, habe ich das gemacht. Wir sind tatsächlich auch die einzigen, die das geschafft haben im gesamten deutschsprachigen Raum als Rockband Kölsch zu singen und seit vier Jahrzehnten überregional bekannt zu sein. BAP hört man in Österreich, der Schweiz, den deutschsprachigen Teilen Belgiens – und mit „Kristallnaach“ hatten wir sogar mal einen Top-10-Hit in Holland.

Ees und Wolfgang Niedecken
Verstehen sich auf Anhieb gut: EES und Niedecken. Foto: Marina Weigl

EES, wann sind Sie in direkten Kontakt mit Kölsch gekommen?

EES: Das war beim Straßenkarneval, dass mir zuerst bewusst geworden ist, dass die Leute hier ein Deutsch sprechen, das mir bis dato völlig fremd war. Wir in Namibia haben auch viele verschiedene Dialekte. Man muss sich mal vorstellen: Du nimmst die deutsche Sprache und lässt die sich ein paar Jahrhunderte mit anderen Sprachen in Afrika vermischen. Am Ende hast du eine deutsche Grammatik und einen Grundwortschatz, aber unzählige Anglizismen und Dinge aus allem anderen da drinnen, was in Namibia gesprochen wird. Ich dachte, ich spreche Deutsch, aber als ich in Deutschland angekommen war, habe ich erst bemerkt, was überhaupt keine deutschen Wörter sind in meinem „Deutsch“. Aber ich feiere das auch voll. Dieses Namibia-Deutsch – oder auch Wellblech-Deutsch – das wir sprechen, das behalte ich aber auch bei. Das ist etwas, was eine kleine Community spricht, aber schon eine tolle Sache.

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Wolfgang Niedecken: Wow, Wellblech-Deutsch. Der Ausdruck gefällt mir. Man muss allerdings auch sagen, dass mittlerweile viele Dialekte vom Aussterben bedroht sind. Auch beim Kölsch gehen einem nach und nach die Native Speaker aus. Die jungen Bands heute, die auf Kölsch singen, müssen oft im „Wrede“ nachgucken, was nun welches Wort überhaupt heißt.

Ees Niedecken
EES: „Den Kölner Dom kannte ich lange Zeit nur von Postkartenmotiven“. Foto: Marina Weigl

Der „Große Wrede“ ist ein Kölsch-Wörterbuch, oder?

Wolfgang Niedecken: Ja, ein wunderschönes, dreibändiges Wörterbuch, das der Linguistik-Professor Adam Wrede Anfang der 50er-Jahre geschrieben hat. Ich hatte die Ehre das Vorwort der aktuellen Auflage zu schreiben. Die haben es endlich geschafft, aus drei Bänden einen dicken Wälzer zu machen. Es fehlen trotzdem wichtige Wörter darin. Zum Beispiel „Knares“. Wenn du einen Fleck auf der Kleidung hast von einer dir unbekannten Substanz, dann ist das „Knares“. Vielleicht kennt ihr ja das Wort „Pänz“?

EES: Ich habe das schon öfter gehört, aber was das jetzt bedeutet, weiß ich nicht.

Ich glaube, Herr Niedecken wird das jetzt auflösen.

Wolfgang Niedecken: „Pänz“, das sind Kinder. Der kölsche Ausdruck leitet sich vom Wort Pansen ab und meint, dass die „Pänz“ die Mägen sind, die man zu stopfen hat, wenn man Kinder hat.

EES: Da sieht man mal wieder wie Welt miteinander sprachlich verbunden ist: In Namibia sagen wir zum Magen auch „Pens“. Ich habe übrigens auch ein Wörterbuch verfasst über den namibianischen Slang (Nam Slang). Rund anderthalb Jahre habe ich mehr als 650 Wörter und deren Herkunft und Bedeutung gesammelt und aufgeschrieben. Wir müssten uns da mal austauschen. Wer weiß, vielleicht wandert Kölsch auch in den Nam Slang ein.

Köln war vor 16 Jahren das erste, was Sie von Deutschland gesehen hatten, als Sie aus Namibia kamen. Warum wollten Sie unbedingt nach Köln?

EES: Ich hatte damals am Strand in Namibia jemanden kennengelernt, der Kölner war. Und da meine damalige Freundin aus Deutschland kam, hatte ich den Plan gefasst, dahin zu ziehen. Bis dahin kannte ich den Kölner Dom nur von Postkartenmotiven. Erst als ich aus dem Hauptbahnhof raus bin und davorstand, habe ich mit Staunen festgestellt, wie gewaltig und beeindruckend der Dom überhaupt wirklich ist.

Wolfgang Niedecken
Wolfgang Niedecken: „Wäre ich Londoner, dann wären unsere Texte eben in Cockney gewesen“. Foto: Marina Weigl

Wolfgang Niedecken: Da hast du dir erfreulicherweise auch die beste Stadt als Ziel ausgesucht.

EES hatte mal erzählt, dass er Probleme hatte, anfangs hier ein Ticket für die S-Bahn zu lösen.

EES: Ich wohnte in Köln-Zollstock. Die Firma, in der ich einen Job gefunden hatte, war aber in Mülheim. Nun stand ich morgens um 7.30 Uhr am Bahnsteig und war noch nie im Leben mit einer S-Bahn gefahren. Also fragte ich eine Frau, die am Steig wartete und schilderte ihr mein Problem. Und sie fragte mich, ob ich sie verarschen wolle. Also ich erzählte, dass ich aus Afrika komme, hat sie irgendwas rumgeschrien und lief weg. Das ist verrückt: Du siehst aus wie ein Deutscher und redest akzentfrei die Sprache, da glaubt dir keiner, dass du ahnungslos bist. Na, ich bin dann eben gelaufen.

Wolfgang Niedecken: Auweia!

Als ich zum ersten Mal nach Deutschland kam, kannte ich den Kölner Dom nur von Postkartenmotiven. Erst als ich aus dem Hauptbahnhof raus bin und davorstand, habe ich mit Staunen festgestellt, wie gewaltig und beeindruckend der Dom überhaupt wirklich ist.

EES, Wahlkölner und südafrikanischer Superstar

EES: Ja, der Chef war auch nicht begeistert, dass ich so spät gekommen bin. Ich habe dann einen Firmenwagen bekommen. Und weil wir in Namibia eigentlich auf der anderen Seite fahren, hat der Chef mir als Tipp gegeben, dass das rechte Vorderrad am Bürgersteig kratzen muss, wenn ich in Deutschland fahre. Das hat aber zu weiteren Problemen geführt.

Was für Probleme waren das?

EES: Na ja, in Namibia parkt man sein Auto eben da, wo gerade Platz ist auf dem Bürgersteig. Das habe ich dann in Zollstock auch gemacht. Und recht schnell hatte ich so kleine Zettel der Stadt Köln am Auto kleben, auf denen ich hingewiesen wurde, dass ich da nicht parken dürfe. Ich fand das sehr nett, dass man solche Hinweise bekommt und habe mir dabei nichts gedacht, als ich die Zettel weggeworfen hatte. So nach anderthalb Wochen musste ich dann zum Chef, der mir sagte, dass er mittlerweile sieben Briefe der Stadt Köln für mich hätte. Der hat mich über die Sache dann richtig aufgeklärt.

Wolfgang Niedecken: Ich hoffe, du hast dich da irgendwie wieder rausgedribbelt, oder?

EES: Yo, der Chef hatte mir dann nahegelegt, die Verkehrsschilder und ihre Bedeutungen zu lernen.

Ees
EES: „In Namibia parkt man sein Auto eben da, wo gerade Platz ist auf dem Bürgersteig.“ Foto: Marina Weigl

EES, haben Sie große Idole mit denen Sie gerne mal die Bühne teilen würden?

EES: Oh, wenn ich da anfangen müsste, dann würde das eine unheimlich lange Liste. Na ja, viele Jahre lang hatte ich da Mandoza aus Südafrika. Der hatte den Kwaito-Sound international groß gemacht. Was BAP für kölsche Rockmusik gemacht haben, hat Mandoza quasi für Kwaito geleistet. 2011 hatte ich dann die Chance mit ihm zusammen einen Song aufzunehmen. Das war der Wahnsinn. Ich meine, da ist einer, dessen Songs einen seit der Kindheit jederzeit begleitet haben – und dann steht man mit dem im Studio, redet mit ihm und sagt ihm, wie er da was singen soll. Das war eine Ehre mit so jemanden zusammen zu arbeiten. Wenn ich mit Leuten zusammenspielen möchte, dann sollten die alle authentisch sein. Da interessiert es mich nicht mehr, wer die größten Stadien füllt und wer Likes und Follower im Netz hat. Das Geilste für mich ist eh, wenn man irgendwo im Ausland ist, wo man einfach das Mikro ins Publikum hält und die Leute deine Songs mitsingen können.

Ees Niedecken
Wolfgang Niedeckens Hündin Numa schaute natürlich auch im Sundermann vorbei. Foto: Marina Weigl

Herr Niedecken, wie war das damals, als da erstmals im Ausland Leute BAP mitgesungen haben?

Wolfgang Niedecken: Das weiß ich noch ganz genau, wann das war, das war 1982. Wir hatten 81 das Album „für usszeschnigge!“ rausgebracht – da war ja „Verdamp lang her“ drauf – und das hielt sich seit Monaten in den deutschen Charts auf Platz 1. Mit dem 82er-Album „von drinne noh drusse“ haben wir uns dann selbst von der Spitze verdrängt. Da ging auf einmal was ab, was wir als Band selbst nicht so recht kapiert hatten. Ich sollte dann in der Schweiz Promo-Termine machen und Interviews geben. Ich war total baff: Die Journalisten wussten sogar den Namen meines damaligen Hundes und den meiner Kölner Stamm-Kneipen. Die wussten alles. Paar Wochen später haben wir dann zum ersten Mal in der Schweiz gespielt. Bei der Anreise zur Olma-Halle in St. Gallen hatten wir noch Passanten nach dem Weg gefragt, aber weder hatte man uns verstanden, noch hatten wir deren Antworten kapiert. Und später in der Halle fingen plötzlich 4.000 Schweizer an, bei uns mitzusingen. Und ich dachte nur noch: Was ist denn jetzt passiert?