Der SC Janus ist 1980 als eingetragener Verein gegründet worden – hervorgegangen aus einer Gruppe schwuler Volleyballer in Köln. Heute gilt er als ältester und größter queerer Sportverein Europas. Über 2.200 Mitglieder, mehr als 100 Übungsleitungen, ein enormes Sportportfolio und ein jährliches Multisportturnier mit hunderten Teilnehmenden: Der Verein ist sportlich breit aufgestellt und gesellschaftlich relevant.
Beim SC Janus kommen Sportverein, Schutzraum und politisches Statement zusammen. Andrea Löwe, Vorstandsvorsitzende, erklärt, warum Größe auch Sichtbarkeit schafft, weshalb Hass real bleibt – und welche Rolle Köln für den Erfolg des Vereins spielt.
Zwischen Fitness und Vielfalt – der SC Janus in Köln
Der SC Janus gilt als ältester und größter queerer Sportverein Europas. Wie würdest du den Verein jemandem beschreiben, der noch nie von euch gehört hat – jenseits von Zahlen, Mitgliedern und Sportarten? Was macht Janus wirklich aus?
Andrea Löwe: Wir sind ein sehr großer Breitensportverein mit einem im Vergleich außergewöhnlich vielfältigen Sportangebot. Neben klassischen Team- und Individualsportarten gibt es bei uns immer wieder auch eher ungewöhnliche oder exotische Disziplinen, wie Flinta* Plus Size-Fitness oder Feldenkrais. Gleichzeitig decken wir ein sehr breites Spektrum ab – vom Gesundheitssport über Angebote für ältere Menschen bis hin zum leistungsorientierten Ligabetrieb.
Diese Breite und Vielfalt kenne ich aus dem klassischen Vereinsleben so nicht. Viele Vereine sind entweder stark leistungsorientiert oder klar im Freizeitbereich angesiedelt. Bei uns existiert das nebeneinander – unter einem Dach. Das macht uns besonders.
Schwule Männer die sichtbar gemeinsam Sport machen: Wir waren schon immer politisch.
Andrea Löwe, Vorstandsvorsitzende des SC Janus
Gegründet wurde der SC Janus 1980, hervorgegangen aus einer schwulen Volleyballgruppe Ende der 70er. Wie wichtig waren diese frühen Jahre? Und wie politisch war Sport damals?
Als eingetragener Verein bestehen wir seit dem 8. März 1980. Davor gab es diese Volleyballgruppe, aus der sich der Verein entwickelt hat. Und natürlich war Sport damals politisch – allein schon, weil schwule Männer sichtbar gemeinsam Sport getrieben haben. Das war keine Selbstverständlichkeit.
In vielen anderen Städten haben sich queere Sportinitiativen später aufgeteilt – etwa in eigene lesbische oder schwule Vereine oder in einzelne Sportarten. In Köln hat man sich früh dafür entschieden, gemeinsam stark zu bleiben und alles unter einem Dach zu bündeln. Diese Entscheidung hat uns groß gemacht – und sichtbar. Größe bedeutet eben auch Power und öffentliche Wahrnehmung.
Wir sind in Köln die größte queere Interessenvertretung.
Andrea Löwe, Vorstandsvorsitzende des SC Janus
Es gibt durchaus vergleichbare Multisportvereine in Berlin, Hamburg, Frankfurt, Düsseldorf oder München. Aber wir sind nach wie vor der älteste und größte queere Sportverein Europas. Und wenn man sich die Zahlen anschaut, sind wir trotz der Größe Berlins immer noch größer als der dortige Verein. Das ist schon bemerkenswert.
Welche Rolle spielt der Sport heute bei euch? Ist er Mittel zum Zweck als Safe Space – oder steht der sportliche Anspruch im Mittelpunkt?
Beides ist untrennbar miteinander verbunden. Natürlich steht der Sport im Mittelpunkt, mit Training, Turnieren und teilweise auch leistungsorientiertem Ligabetrieb. Aber wir sind in Köln auch die größte queere Interessenvertretung, rein zahlenmäßig.
Auch wenn wir per Satzung kein politischer Verein sind, haben wir gesellschaftlich eine politische Wirkung. Sichtbarkeit und das Werben für Toleranz sind bei uns klar verankert.
Safe Space ist ein Begriff, der heute oft verwendet wird. Für uns bedeutet das ganz konkret: Wir bieten eine sichere Heimat für Menschen jeder Orientierung und Identität. Und ausdrücklich auch für heterosexuelle Mitglieder. Wir sind kein abgeschotteter Raum, sondern offen für alle, die in einem respektvollen Umfeld Sport treiben möchten.
Sport ist in unserer Gesellschaft für viele Menschen ein zentraler Bestandteil ihres Lebens – ob leistungsorientiert, als Ausgleich zum Alltag oder als sozialer Kitt. Deshalb ist es so wichtig, dass es Räume gibt, in denen man unabhängig von Herkunft, Identität oder Orientierung trainieren kann.
Zum SC Janus e.V.:
- Gegründet: 8. März 1980 (hervorgegangen aus einer schwulen Volleyballgruppe Ende der 1970er-Jahre)
- Status: Ältester und größter queerer Sportverein Europas
- Mitglieder: über 2.200
- Struktur: Mehr als 100 Übungsleitungen, zahlreiche Trainingsgruppen in unterschiedlichen Leistungsstufen
- Angebot: Dutzende Sportarten – von klassischen Team- und Individualsportarten über Gesundheitssport bis zum Ligabetrieb
- Selbstverständnis: Offener Breitensportverein und Safe Space für Menschen aller Identitäten und Orientierungen
- Highlight: Jährliche Queer Games – Multisportturnier mit mehreren hundert Teilnehmenden
- Engagement: Aktive Rolle in Netzwerken des queeren Sports auf Landes- und Bundesebene
- Finanzierung: Eigenständig, ohne öffentliche Fördermittel
Ist es nicht auch schade, dass es 2026 immer noch einen Verein wie den SC Janus braucht?
Ja, das könnte man sagen. Aber solange Menschen aufgrund ihrer Identität oder Orientierung diskriminiert oder angegriffen werden, braucht es solche Orte.
In meinen Selbstverteidigungskursen berichtet ein großer Teil der Teilnehmenden von Gewalterfahrungen wegen ihrer Identität oder Orientierung – das ist leider Realität.
Andrea Löwe, Vorstandsvorsitzende des SC Janus
Queerfeindlichkeit und Gewalt hat es immer gegeben. Neu ist vielleicht, dass Hass durch soziale Medien sichtbarer und ungefilterter geworden ist. Wenn man sich Kommentare unter Artikeln oder Beiträgen anschaut, merkt man, wie massiv das teilweise ist.
Ich gebe Selbstverteidigungskurse. Und ich hatte noch keinen Kurs, in dem nicht ein großer Teil der Teilnehmenden von Gewalterfahrungen berichtet hat – aufgrund ihrer Identität oder Orientierung. Das ist Realität.
Mehr als nur Training: der Einsatz für queere Vielfalt beim SC Janus
Spürt ihr einen gesellschaftlichen Rückschritt?
Es gibt Fortschritte und gleichzeitig besorgniserregende Entwicklungen. Dass es in Köln inzwischen eine polizeiliche Stelle gibt, die queerfeindliche Übergriffe statistisch erfasst, ist ein wichtiger Schritt.
Gleichzeitig erleben wir einen politischen Rechtsruck. Das erzeugt Unsicherheit. Ich glaube nicht, dass wir in absehbarer Zeit ohne solche Schutzräume auskommen werden.
Köln gilt als besonders tolerant. Ist die Stadt eine Art Geheimzutat für euren Erfolg?
Köln hat sicherlich eine Mentalität, die Offenheit begünstigt – Karneval, CSD, eine gewachsene Szene. Das hilft. Aber man darf nicht glauben, wir lebten hier auf einer Insel der queeren Glückseligkeit.
Auch in Köln gibt es Gewalt und Anfeindungen. Selbst in den Szenevierteln stehen am Wochenende Türsteher vor den Kneipen. Das passiert nicht ohne Grund. Gewaltbereite Menschen gibt es überall.
Meine Erfahrungen aus Selbstverteidigungskursen beziehen sich auch auf Köln. Wir dürfen uns nichts vormachen: Akzeptanz ist keine Selbstverständlichkeit.
Ihr habt in den vergangenen Jahren mehrere Preise erhalten, etwa als „Vorbild für Vielfalt im Sport“. Was bewirken solche Auszeichnungen konkret?
Zum einen sind sie eine Form der Wertschätzung für jahrzehntelange Arbeit. Oft wird die gesellschaftliche Dimension hinter dem Sport unterschätzt.
Wir finanzieren uns komplett selbst und erhalten keine öffentlichen Fördermittel. Gleichzeitig engagieren wir uns bei vielen städtischen Veranstaltungen, beim CSD oder bei queeren Events – alles ehrenamtlich.
Preise helfen uns, als ernst zu nehmender Gesprächspartner wahrgenommen zu werden. Nicht nur als Sportverein, den man gerne ins Boot holt, wenn viele Ehrenamtliche gebraucht werden. Sie geben Rückenwind – auch politisch.
Spiel, Spaß und Queerness bei Sportveranstaltungen des SC Janus
Ein Herzstück sind die Queer Games. Wie kann man sich dieses Event vorstellen?
Im Kern sind die Queer Games ein Multisportturnier, das wir jährlich ausrichten. Unterschiedliche Sportarten tragen ihre Wettkämpfe in verschiedenen Leistungsklassen aus.
Dazu kommt ein Rahmenprogramm: Opening, gemeinsame Aktivitäten, ein Abschlussbrunch, natürlich auch eine Party. Auch Menschen, die keinen Sport treiben, können teilnehmen.
Queer Games Köln
Save the Date: 7.- 9. August
Die Queer Games sind das jährliche Multisportturnier des SC Janus – mit Wettkämpfen in verschiedenen Sportarten, unterschiedlichen Leistungsklassen und einem Rahmenprogramm für Begegnung, Vernetzung und Community.
Im vergangenen Jahr waren rund 800 Teilnehmende dabei. Wir würden perspektivisch gerne die 1.000er-Marke erreichen. Aber im Fokus stehen nicht nur Zahlen, sondern Begegnung und Vernetzung. Es geht um Wettkampf – aber genauso um neue Kontakte, alte Freundschaften und Community.
Wo siehst du den SC Janus und den queeren Sport in Köln in zehn Jahren?
Unsere Visionen stoßen an sehr konkrete Grenzen: fehlende und marode Sportstätten. Das betrifft alle Vereine in Köln. Wir könnten weiterwachsen – wenn wir die Hallenzeiten hätten.
Darüber hinaus wünschen wir uns, weiter mit Sport für ein friedliches, diverses Miteinander zu werben. Wir sind stark vernetzt, etwa über das Bundesnetzwerk des queeren Sports.
Ein wichtiger Meilenstein ist die Fachstelle für queeren Sport beim Landessportbund. Es geht darum, Sensibilität auch im klassischen Breitensport zu stärken – zum Beispiel im Umgang mit trans oder nicht-binären Personen, bei Fragen zu Pronomen oder Umkleidesituationen. Diese Entwicklungen sind wichtig.
Wären Großveranstaltungen wie die Gay Games, die 2010 in Köln ausgerichtet wurden, wieder denkbar?
Aktuell nicht. Solche Events sind organisatorisch mit Olympischen Spielen vergleichbar – mit jahrelanger Vorbereitung, tausenden Stunden Arbeit und enormem finanziellen Aufwand.
Unsere gesamte Arbeit basiert auf Ehrenamt. Das ist bereits jetzt eine enorme Belastung. Wir konzentrieren uns auf die Queer Games und unsere kontinuierliche Vereinsarbeit. Das ist mehr als genug.
Sport ist unser Werkzeug – Vielfalt unser Ziel.
Andrea Löwe, Vorstandsvorsitzende des SC Janus
Was ist dein persönlicher Wunsch für die Zukunft?
Dass queere Menschen überall selbstverständlich Sport treiben können – nicht nur bei uns. Dass Sensibilität in allen Vereinen ankommt, auch in kleineren Städten. Und dass wir als SC Janus weiterhin ein Ort bleiben, an dem Menschen sich sicher fühlen und gleichzeitig sportlich ambitioniert sein können.
Sport ist unser Werkzeug. Aber eigentlich geht es um etwas Größeres: um Respekt, Sichtbarkeit und ein friedliches Miteinander in dieser Stadt. Wenn wir dazu beitragen, dann erfüllen wir unseren Auftrag.
Andrea Löwe ist seit 2017 Vorstandsvorsitzende des SC Janus. Gemeinsam mit ihrem Vorstandskollegen verantwortet sie die strategische Weiterentwicklung des Vereins mit mehr als 2.200 Mitgliedern. Neben ihrer beruflichen Selbstständigkeit gibt sie unter anderem Selbstverteidigungskurse und bringt ihre Erfahrungen aus der praktischen Arbeit mit queeren Menschen in die Vereins- und Netzwerkarbeit ein. Ein zentrales Anliegen ist ihr die Professionalisierung der Strukturen, damit der Verein langfristig handlungsfähig und gesellschaftlich wirksam bleibt.


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