Gregor Schwellenbach ist musikalischer Generalist im besten Sinne. Ob Pop, Techno, Klassik oder Karnevalsmucke: Es gibt kaum ein Genre, dem er nicht grundsätzlich mit Offenheit begegnen würde. Das zeigt die beeindruckende Bandbreite seiner bisherigen Kooperationen: Als Arrangeur wirkte er etwa für The Heritage Orchestra, Lambchop, das Deutsche Filmorchester Babelsberg oder das WDR Funkhausorchester.
Er war Bandmitglied bei Klaus Schumachers Inszenierung der „Dreigroschenoper“ in Bremen und musikalischer Direktor eines Streicherensembles, das Alligatoahs Festivaltour 2021 begleitete. Sein Kammermusik-Tribute für das Technolabel Kompakt wurde 2014 mit dem VIA Indie Award in der Kategorie „Bestes Experiment“ ausgezeichnet. Nebenbei führt Schwellenbach das Label „Galerie“ und analysiert regelmäßig Popsongs beim Radiosender WDR Cosmo.
Mehr als nur ein Arbeitsort: Gregor Schwellenbach über seine Verbindung zu Köln
Gregor, du bist im Kölner Umland aufgewachsen, stimmt’s? Woher kommst du genau?
Ja, genau. Ich komme aus Siegburg und bin in Sankt Augustin aufgewachsen. Köln war für mich und meine Familie immer die Stadt, in der man arbeitete. Mein Vater und Großvater haben in Köln gearbeitet, und als ich Teenager war, habe ich mich eher nach Bonn orientiert – einfach, weil ich da mit dem Fahrrad hin konnte. Wirklich nach Köln gezogen bin ich aber erst später, nachdem ich einige Jahre in Hannover und Hamburg gelebt habe. Und da habe ich erst wirklich verstanden, wie sehr ich hier hingehöre und wie gerne ich diese Stadt mag.
Was magst du an den Kölner*innen?
Die Kölner*innen nehmen sich selbst nicht zu ernst, und das finde ich sehr sympathisch. Diese Haltung passt auch gut zu meiner Arbeitsweise. Musik kann etwas Ernsthaftes sein, aber hier lernt man, locker und neugierig zu bleiben, ohne sich selbst extrem wichtig zu nehmen. Auch das Interesse an anderen Menschen finde ich toll – in Köln ist man offen, freundlich und unkompliziert. Viele soziale Regeln, die anderswo eher festgezurrt sind, sind hier einfach etwas lockerer. Das zeigt sich zum Beispiel im Karneval.
Wie bist du zur Musik gekommen?
Musik war für mich immer ein Teil meines Lebens. Ich habe Musik studiert, allerdings nicht direkt in Köln, weil ich hier an der Musikhochschule nicht angenommen wurde. Mein Weg führte mich erst nach Hannover und dann nach Hamburg, aber die Musik hat mich immer durch verschiedene Stationen begleitet. Anfangs habe ich vor allem Auftragsarbeiten gemacht, Musik für Theaterstücke, Hörspiele und Fernsehsendungen. Da war ich Teil eines Teams, habe Ideen beigesteuert und in einem kreativen Austausch gearbeitet. Später, mit mehr Erfahrung, habe ich begonnen, meine eigenen Projekte zu verfolgen und mehr von meinen eigenen Ideen umzusetzen.
Die Kraft der Musik für den Kölner Komponisten Gregor Schwellenbach
Was waren deine ungewöhnlichsten Projekte?
Es gab einige spannende Sachen. Ich habe zum Beispiel Musik für die Ausstellung „Schlaf“ von Sebastian Fritz gemacht, einem Künstler, für den ich auch schon an Filmmusik komponiert habe. In der Ausstellung habe ich ältere Werke gespielt, teilweise Stücke, die nie veröffentlicht wurden – es ist sehr intim und ehrlich. Es geht darum, dass Musik wie Gedanken, Erinnerungen und Träume in einem vertrauten Raum fließen kann, ähnlich wie nachts vor dem Einschlafen.
Musik ist für mich Kommunikation.
Komponist Gregor Schwellenbach
Ein anderes interessantes Projekt war meine Zusammenarbeit mit Kompakt – da habe ich mich intensiv mit Kölner Techno beschäftigt und herausgefunden, warum ich ihn so viel besser finde als etwa Frankfurter Techno. Es gibt in der Kölner Elektronikmusik einen speziellen Rhythmus, der „Schaffel-Rhythmus“ genannt wird und für mich immer diesen humorvollen, lässigen Charakter ausstrahlt. Ich bin überzeugt, dass das sogar mit der kölschen Sprache zu tun hat – die hat nämlich ähnliche triolische Rhythmen.
Als Kölner ist es ja beinahe Pflicht, Karnevalist zu sein. Wie sieht’s da bei dir aus?
Als Kind habe ich Karneval geliebt, dann aber lange gehasst. Als ich später nach Köln zurückkam, habe ich diese Tradition wiederentdeckt. Es war fast wie ein Rückzug ins Kindheitsgefühl von Freiheit und Spaß. Besonders mag ich, dass Karneval die sozialen Regeln auf den Kopf stellt. Man begegnet völlig unterschiedlichen Menschen, mit denen man sonst nie feiern würde, und durch die Kostüme und diese Stimmung werden Grenzen und Hierarchien irgendwie aufgehoben. Das ist wirklich schön und macht auch Mut, sich auf andere einzulassen.
Welche Musik hörst du privat am liebsten?
Das ist schwer zu sagen – es gibt Phasen. Es gab Zeiten, da habe ich sehr viel Klassik gehört, und dann wieder Phasen, wo ich mich komplett auf die Werke von Leuten konzentriert habe, die ich persönlich kenne. Heute versuche ich aber, trotz meines Alters mitzukriegen, was aktuell ist und welche neuen Sounds spannend sind. Ich habe immer noch den Ehrgeiz, herauszufinden, was gerade cool ist, auch wenn ich manchmal merke, dass diese Musik nicht „für mich“ gemacht ist. Billie Eilish, zum Beispiel, finde ich objektiv wahnsinnig gut, aber es ist Musik, die eher jüngere Leute direkt anspricht. Trotzdem höre ich solche Sachen gerne, weil ich verstehen möchte, was in der Musikszene passiert.
Welche Bedeutung hat Musik für dich?
Musik ist für mich Kommunikation. Es geht darum, mit anderen Menschen in einen Dialog zu treten – sei es über Traditionen oder über ganz neue Ansätze. Auch wenn ich viel alleine arbeite und komponiere, bleibt Musik für mich ein Mittel, um Verbindungen zu schaffen. Dafür ist mein Arbeitsort in Köln, mein Studio auf dem Industriegelände Gebäude 9, zum Glück gut geeignet, weil man dort Tür an Tür mit vielen anderen Kreativen arbeitet.

0 Kommentare zu “Gregor Schwellenbach: „Viele soziale Regeln sind in Köln einfach etwas lockerer“”