Pogendroblem, The Red Flags, Grenzkontrolle: Die Mitglieder dreier Punk Bands aus Köln.
Pogendroblem, The Red Flags, Grenzkontrolle: Wie Kölner Punk Bands wie diese die Szene neu definieren. Foto: Marie Poulain / Lisa Ordemann / Binh Minh Dao

Wellen der Wut: Neuer Punkrock aus Köln

Seit der Corona-Pandemie formiert sich in Köln eine neue Punk-Bewegung. Bands wie Pogendroblem, The Red Flags und Grenzkontrolle stehen für einen Sound, der politisch, mutig, feministisch und kompromisslos laut ist.

Rückblick auf den Sommer 2024: Der Moment, in dem die Kölner Punkband The Red Flags so richtig durchstartet. Als Schlagzeugerin Mika sich ein Ticket für Jan Böhmermanns TV-Show „ZDF Magazin Royale“ holt, hat sie noch keine Ahnung, dass die Band nur ein paar Wochen später vor 80.000 Rockfans auf der Bühne stehen wird.

Zu diesem Zeitpunkt sind The Red Flags eine Proberaumband. Die 4 Bandmitglieder – Joe, Murphy, Mika und Polly – kennen sich aus der Schulzeit und haben gerade mal einen Song veröffentlicht.

Das sind die Bandmitgliederinnen von der Kölner Punk Rock Band The Red Flags: Joe, Murphy, Mika und Polly.
Joe, Murphy, Mika und Polly (v. l.) von The Red Flags starten durch, seit sie 2024 beim Festival „Rock am Ring“ auftraten. Foto: Lisa Ordemann

Der Turn: Das Team von Böhmermanns Show „Lass dich überwachen“, das die Magazin Royal-Gäste digital durchleuchtet, entdeckt Mika auf TikTok. Später die Ansage von Böhmermann im Fernsehen: „Wir finden, die Red Flags brauchen die größte Bühne Deutschlands!“ Damit schickt er die Band auf die Mainstage von „Rock am Ring“.

The Red Flags & Co.: Politischer Punk aus Köln prägt die neue Szene

Aus Köln kommt nun ein neuer Punkrocksound, der nicht mehr zu überhören ist. Dabei ist die Geschichte zwischen Domstadt und Punk alles andere als neu – sie startet schon im Oktober 1977. Damals spielt die Proto-Punkband Charley’s Girls in der Aula des Gymnasiums Rodenkirchen. Saalschlacht inklusive. Alfred Hilsberg berichtet in der Zeitschrift Sounds über dieses Konzert unter dem Titel „Rodenkirchen is burning“. Das wird zum Schlachtruf der frühen deutschen Punkbewegung. Auch und vor allem der Bands aus Köln.

Ab dem Ende der 70er Jahre wird Köln – neben Hamburg, Berlin und dem Düsseldorfer Ratinger Hof – zu einem der Hotspots für Punkrock in der Bundesrepublik. Deutschpunk und Fun-Punk, Politpunk und Ska-Punk, Grunge und Emo-Punk – die Kölner Vielfalt ist beeindruckend, wenn auch selten überregional erfolgreich. „Punk is dead“, heißt es zwar augenzwinkernd schon seit den späten 1970ern. Die jungen, lauten Bands aus Köln beweisen mit ihrer Punk-Welle das Gegenteil.

„Du wählst hellblau, die Faschos applaudieren. Auf den Hass kann ich nur mit Hass reagieren!“

Don L. Gaspár Ali, Sänger von Grenzkontrolle in der Debütsingle „Revolution“

Entstanden ist diese im Nachgang der Corona-Pandemie. Als Reaktion auf eine – gerade für die Generation Z – schwer zu ertragende Ausbremsung allen sozialen Lebens. Und als musikalische Antwort auf die multiplen Krisen der Gegenwart: Krieg, Zukunftsängste, Leistungsdruck, gesellschaftliche Polarisierungen, Ungerechtigkeiten, Klimakrise, politischer Rechtsruck. All diese Entwicklungen machen wütend, und diese Wut hat sich in Köln innerhalb kurzer Zeit kanalisiert: Eine „Neue Deutsche Welle“ ist entstanden, wie das Musikmagazin Laut.de schreibt.

Punkband mit Wurzeln in Köln: Grenzkontrolle ist politisch, laut und direkt

Vorne mit dabei ist die Punk- und Postpunk-Band Grenzkontrolle, die im Oktober 2025 den popNRW-Preis 2025 als „Best Newcomer“ erhalten hat. Kopf der Band ist Don L. Gaspár Ali. Er ist aufgewachsen in der Hochhaussiedlung Kölnberg, als Sohn einer aus dem Kongo geflüchteten Mutter. Nach einer kurzen Karriere als Fußballprofi zieht es Gaspár nach Berlin.

Hier veröffentlicht er einen düsteren Gedichtband, engagiert sich für Menschenrechte und überführt schließlich, zurück in Köln, seine Wut auf den Rassismus in Musik. Grenzkontrolle stehen in den Fußstapfen von DAF und Joachim Witt. Sie sind roh und politisch. „Du wählst hellblau, die Faschos applaudieren. Auf den Hass kann ich nur mit Hass reagieren!“, singt Gaspár in der Debütsingle „Revolution“.

Don L. Gaspár Ali (zweiter von links) ist der Frontmann der Kölner Band Grenzkontrolle.
Foto: Binh Minh Dao

Viele weitere Bands stehen für den neuen Punk in Köln. Vorne mit dabei: das Trio Schnuppe – feministisch, selbstbewusst und direkt. Die Songs der 3 Frauen klingen nach der frühen NDW und Ideal. „Mehr Bier, mehr Sex, mehr Geld für die Girls!“ fordert ein Song. Ihr Debütalbum „Drin was drauf steht“ strotzt vor Selbstbewusstsein und Rock-Parolen.

Andere Kölner Bands wie Molly Punch oder Pipi got wasted knüpfen an die Riot-Grrrl-Energie der 90er an. Wieder andere schreien ihre Wut in einminütigen Brettern raus – etwa Taylor Snifft von der Hardcore-Band Angerboys. Und die Szenelieblinge Pogendroblem haben 2025 mit „Great Resignation“ ihr bisher stärkstes Album veröffentlicht.

Neue Kölner Punkbands: Kein kurzer Trend, sondern ein Aufbruch

In Läden wie dem Tsunami Club, dem Sonic Ballroom, Castell, E.D.P., Limes, Lotta oder den Garagen hat sich der Kölner Punk neu erfunden. Zu hören sind die Bands auch in neu entstandenen FLINTA*-Partyreihen wie „Rockstar Girlfriends“. Sie alle vereint, dass sie Punk nicht dogmatisch als Genre verstehen, sondern als Haltung. Als ästhetische Möglichkeit, ihrer Wut auf gesellschaftliche Fehlentwicklungen Ausdruck zu verleihen.

Die Mitglieder der Kölner Band Pogendroblem.
Die Band Pogendroblem: bestehend aus Frieder Theißen (Sänger und an der Gitarre) Georg Gläser (Sänger), Sarah Benter (am Schlagzeug) und Lauritz Velthaus (am Bass). Foto: Pogendroblem

Diese Bands bilden eine politische Gegenstimme zu meinungsfreier Popmusik und seelenlosen KI-Klängen. Auch dafür wurden The Red Flags im Herbst 2025 mit dem Zukunftspreis des „Holger Czukay Preis für Popmusik der Stadt Köln“ ausgezeichnet. Und in diesem Jahr sind sie Gäste der Düsseldorfer Punklegenden Die Toten Hosen im RheinenergieStadion. Dort werden die 4 Frauen 60.000 Punkfans beweisen: Der Kölner Punk ist so laut, mutig, unangepasst, feministisch und wütend wie nie zuvor.

... ist Popmusikfan und Vinyl-Nerd. Er liebt es, in den Musikclubs der Stadt neue Bands zu entdecken. Am liebsten liest, schreibt und redet er über den Sound von Städten. Er findet: Köln ist eine musikalische Weltstadt.

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